Ein vergessenes Monument vor den Toren Chiassos

900TREPPENSTUFEN ZUM PARADIES

von Peter Faesi
Die 900 Stiegen ins Paradies ... der Schmuggler lassen die Knochen spüren und die Muskeln ermüden
Die Ramina, der intakte und verstärkte Grenzzaun

Chiasso ist in den letzten Monaten eher negativ in die Schlagzeilen gekommen. Dabei hat die südlichste Stadt der Schweiz durchaus erhebliche Anstrengungen unternommen: Die Hauptstrasse ist verkehrsfrei, der zentrale Platz herausgeputzt, das Theater wird wieder bespielt und mit dem m.a.x.Museo hat Chiasso sogar ein modernes Kunsthaus bekommen.

Die Scala del Paradiso In Chiasso befindet sich aber auch ein Bauwerk, das heute völlig in Vergessenheit geraten ist – fragen Sie ja keinen Bewohner von Chiasso nach der „Scala del Paradiso“, er wird es Ihnen nicht sagen können. Diese Treppe, die sich unmittelbar am Grenzzaun befindet und die mit über 900 Stufen an die 200 Höhenmeter überwindet, ist kurz vor 1900 von der Guardia di Finanza erbaut worden. Sie sollte es den Grenzwächtern erleichtern, die Schmuggler zu jagen. Wie so viele Projekte ist auch dieses anders herausgekommen als geplant: Die Schmuggler benützten, Ironie des Schicksals, dankbar diese Treppe und entkamen, offensichtlich besser in Form als die Grenzwächter, mit Leichtigkeit der Verfolgung. Heute ist die Treppe wie gesagt vergessen, aber immer noch – im Gegensatz zum Grenzzaun, der hier völlig zerfallen ist – gut erhalten und gefahrlos begehbar. Ideal ist ein Besuch jetzt im Frühling, im Sommer dürfte der Aufstieg doch zu heiss sein.

Beliebte Schmuggelware Bis Mitte des 20. Jahrhunderts, meldet das Historische Lexikon der Schweiz, stellten je nach Preisniveau und Nachfragekonjunktur v.a. die täglichen. Gebrauchsartikel (Öl, Salz, Zucker) sowie Tabak und Alkohol bevorzugte Schmuggelgüter dar. So wurde vor dem 2. Weltkrieg – oft mit Zustimmung der lokalen Behörden – Tabak und Kaffee nach Italien geschmuggelt. Während des Krieges, namentlich 1943-44, gelangten in umgekehrter Richtung trotz verstärkter Aufsicht seitens des Tessiner Grenzwachtkorps Güter wie Schinken, Reis, Fahrräder und Schuhe in die Schweiz. Der Schmuggel befriedigte primär die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung und bedeutete für manche Familie diesseits und jenseits der Grenze eine unabdingbare Einnahmequelle.

Der verborgene Einstieg

Vom Bahnhof Chiasso aus durchqueren Sie das Zollgebäude Richtung Italien. Hundert Meter später biegen Sie rechts in die unscheinbare Via Stefano Franscini (Wegweiser: Parco Spina) ein. Sie unterqueren die Bahngeleise und biegen unmittelbar nachher scharf rechts ab. Keine fünfzig Meter später stossen Sie auf den Beginn der Treppe, versteckt zwischen Gerümpel und Altmetall (Wegweiser: Scala del Paradiso). Beim Hochsteigen fällt es leicht, sich den intensiven Schmuggelverkehr und das perfide Katz- und- MausSpiel zwischen Schmugglern und Zöllnern vorzustellen. Ein Blick nach rechts in völlig unwegsames Gelände lässt erahnen, wie dankbar die Schmuggler für den Bau der Treppe gewesen sind, erlaubte sie ihnen doch, Chiasso zu umgehen und die Grenze dort zu überqueren, wo die Wegverhältnisse angenehmer waren. Am Ende der Treppe – und ich wette, Sie werden jeden der 900 Tritte in Ihren Knochen spüren – folgen Sie den Wegweisern „Sentiero confinale“ bis zum Grenzstein 69. Der Name „Scala del Paradiso“ hat natürlich nichts mit dem Schmuggel zu tun; vielmehr soll er andeuten, wie anstrengend für den Gläubigen der Eingang in die ewige Seligkeit sein kann.

Eine aktive Parkverwaltung Seit 2003 entfaltet sich im Grenzgebiet zwischen Chiasso und Drezzo eine reiche Aktivität. Die Verwaltung des Parco Spina Verde hat an die drei Millionen Euro in Weganlagen und Beschilderungen investiert. Eine grosse Auswahl an Prospekten und Wandervorschlägen lädt dazu ein, die Besonderheiten der Natur, aber auch die zahlreichen prähistorischen Stätten aufzusuchen. Der grösste Betrag, fast eine Million Euro, steht für die Renovierung der Burg Baradello bei Chiasso zur Verfügung, daneben ist ein Besucherzentrum in Cavallasca geplant. Obwohl seit 2005 vorgesehen, sind an der Scala del Paradiso noch keine Arbeiten vorgenommen worden.

Spuren des Ersten Weltkriegs Am Ende der Treppe, beim Grenzstein 69, stehen Ihnen drei Möglichkeiten offen: Sie können über Majocca oder Pedrinate (Busverbindung) nach Chiasso zurückkehren.

Oder Sie können die Anlagen aus dem Ersten Weltkrieg am Sasso Cavallasca besichtigen (Wegweiser). Da Italien 1915 aus dem Dreibund austrat und Österreich den Krieg erklärte, musste es mit einem Angriff von Deutschland rechnen. Um sich vor diesem Einfall, der ja durch die Schweiz hätte erfolgen müssen, zu schützen, befiehlt General Cadorna den Bau eines umfangreichen Befestigungssystems, das vom Simplon bis ins Veltlin reicht. In drei Jahren, zwischen 1915 und 1918, sind 72 km Schützengräben und 88 Artilleriestellungen sowie Hunderte von Kilometern an Fahrstrassen und Fusswegen gebaut worden. Das kleine Fort am Sasso Cavallasca beeindruckt vor allem durch die raffiniert angelegten Schützengräben, die gefahrlos besichtigt werden können. Siehe dazu die Tessinerzeitung Nr. 1 vom 5. Januar 2012.

Eine Oase der Stille und der Ruhe

Drittens: Sie können auf der Fahrstrasse bequem nach Westen bis zum Grenzstein 75 B wandern. Damit erreichen Sie den „Punto Estremo Sud“, den südlichsten Punkt der Schweiz. Während der nördlichste Punkt irgendwo im Schaffhausischen liegt, der westlichste mitten in der Rhone und der östlichste auf 2762 m im Münstertal, ist der südlichste Punkt der Schweiz eine Oase der Ruhe, geradezu ein Kraftort, und lädt leise zum Meditieren ein. Der Grenzzaun, in Italien „Ramina“ genannt, ist hier noch intakt und besteht aus massiven Eisenträgern, die in Beton eingemauert sind. In der Mitte des letzten Jahrhunderts liess die italienische Zollverwaltung kleine Glocken am Grenzzaun, anbringen, welche die Aktivitäten der Schmuggler anzeigen sollten. Auch sie haben sich nicht bewährt, sind längst verschwunden, und so lässt sich die Stille an diesem Ort ungestört geniessen.

Nützlich zu wissen: Landeskarte 1:25000 Mendrisio Parco Spina Verde, Via Imbonati 1, I-22020. Cavallasca www.spinaverde.it: Die Web-Seite enthält über ein Dutzend Wandervorschläge.