AUS DEN ANFÄNGEN Flugpionier Attilio Maffei

von Otto Britschgi

Unter den ersten 49 Schweizern, die bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges ein – damals noch nicht obligatorisches – Fliegerbrevet erworben hatten, befanden sich sieben Tessiner. Der Erfolgreichste unter ihnen war Attilio Maffei.

Der fliegende „Verbrecher“ Anfangs September 1912 drehte die Pariser Produktionsfirma Eclair im Raum LuganoGandria Aussenaufnahmen für einen Kriminalfilm. Eine turbulente Szene war, als der mit einem Flugzeug flüchtende Verbrecher das ihn verfolgende Polizeiboot mit Bomben bewarf. Das Flugzeug war eine Bleriot, der „Verbrecher“ Attilio Maffei. Er gehörte zu den schillerndsten und aktivsten Aviatikern in der romantischen Ära der „tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten“. Maffei, am 28. Februar 1878 in Lugano geboren, absolvierte im französischen Pau die Fliegerschule. Mit dem Schweizer Brevet Nr. 23 in der Tasche, ausgestellt am 12. Februar 1912, kehrte er ins Tessin zurück und gab gleich an der „Giornata d’Aviazione“ in Lugano seine Premiere.

Er flog höher und weiter Am 5. April stellte Attilio Maffei, was er gelernt hatte, unter Beweis. Er blieb anlässlich eines Schaufliegens in Lugano sieben Minuten länger in der Luft als der Franzose Legagneux. Am 16. Mai stellte der Neuling gar mit 1250 Metern einen schweizerischen Höhenrekord auf. Später begab er sich mit seiner treuen Bleriot auf die Strecke Dübendorf-Luzern-Dübendorf, wofür er von der Genossenschaft „Aero Luzern“ 500 und vom „Ae.C.S.“ 1200 Franken erhielt. Der Hinflug betrug 35 Minuten, der Rückflug eines starken Gegenwindes wegen eine Stunde. Trotz dieses beträchtlichen finanziellen Zustupfs beklagte Maffei in einem Zeitungsartikel: „Sowohl die Öffentlichkeit wie auch der Aero-Club der Schweiz gewähren uns Flugpionieren zu wenig Unterstützung, sodass wir gezwungen sind, private Schauflüge auszuführen, um überleben zu können.“

Maffei war immer dabei Wo etwas los war, an den bedeutendsten Flugveranstaltungen im ganzen Land, war das monotone Knattern von Attilio Maffeis Bleriot kaum mehr wegzudenken. Das Jahr 1913 war nicht weniger hektisch. Erst einmal legte er die Strecke Lugano-Mailand in 52 Minuten zurück, am 2. März flog er in Basel zugunsten der Nationalflugspende und am 18. Mai brillierte er am Flugtag in Sitten. Am 8. Juni pilotierte Maffei seine Bleriot in Agno. Dort startete er zu einem Postflug nach Mendrisio, doch die Post kam nicht durch. Er musste wegen eines Motorendefektes unterwegs auf einer Wiese notlanden.

Im gleichen Jahr wurde Attilio Maffei zusammen mit dem Basellandschäftler Oskar Bider aufgefordert, an den Herbstmanövern im Baselbiet teilzunehmen. Als er sich aber bewarb, in die in Gründung begriffene Flieger-Abteilung des Militärs aufgenommen zu werden, wurde sein Gesuch ohne Begründung abgelehnt. Diese Absage kränkte ihn.

Dilemma und Neuanfang Ob Attilio Maffei damals die Fliegerei aufgeben oder seine Aktivitäten nach Italien verlegen wollte, ist ungewiss. Jedenfalls war er im Begriff, sein Flugzeug nach Italien zu verfrachten. Doch gemäss den Vorschriften des Bundesrates wurde das möglicherweise als „Kriegsflugzeug“ zu verwendende Gerät zurückgehalten. Vier Jahre nach Kriegsende meldete die Tessiner Presse, dass Maffeis Flugzeug und eines seiner Autos anlässlich eines Totalbrandes im Ad AstraHangar auf dem Campo Marzio in Lugano zerstört worden seien. Als Pilot der Ad Astra führte Maffei in den Jahren 1919 bis 1921 im Savoia-Flugboot eine illustre Schar begeisterter Touristen über die Alpen.

Vom Hydroplan zum Auto In seinen Notizen aus dem Jahre 1920 ist zu lesen: „Heute (das Datum ist unleserlich, Anm. d. Verf.) bei herrlichem Wetter mit der Schriftstellerin Isabella Keiser über den Luganersee.“ Attilio Maffei hatte sich in seinen letzten Jahren vermehrt dem Automobilsport zugewendet. Eine zeitlang gehörte er dem Grossen Rat des Kantons Tessin an. Er starb mit 53 Jahren am 18. Juli 1931 in Bellinzona. Der AutomobilClub der Schweiz, Sektion Tessin, forderte seine Mitglieder auf, „…beim Begräbnis des unvergessenen Gründers und langjährigen Vizepräsidenten der Sektion mit dem Club-Abzeichen teilzunehmen.“